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Spielzeugfreie Zeit in der KitaMehr Kreativität, weniger Ablenkung

Die spielzeugfreie Zeit in der Kita ist ein bewährtes Konzept, das Kindern ermöglicht, ihre Kreativität, soziale Kompetenzen und Fantasie zu entfalten. Doch was passiert eigentlich, wenn Bausteine, Puppen und Autos plötzlich verschwinden? Chaos? Langeweile? Ganz im Gegenteil! Ohne fertige Spielsachen entstehen neue, fantasievolle Spielideen – Stühle werden zu Höhlen, Tücher zu Superheldencapes, Äste zu Zauberstäben. Diese besondere Phase stärkt die kindliche Entwicklung und bringt zahlreiche Vorteile für Kinder, Erzieher:innen und Eltern.
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1. Warum ist die spielzeugfreie Zeit so wichtig?

Kinder verbringen immer mehr Zeit mit Medien, sind oft von einer Fülle an Spielsachen umgeben und haben seltener die Möglichkeit, frei mit anderen Kindern zu spielen. Spielsachen werden oft als Ersatz für Aufmerksamkeit und liebevolle Momente genutzt. Doch dies kann negative Folgen haben: Bewegungsmangel, Sprachentwicklungsstörungen und eine abnehmende Fantasie sind nur einige der Risiken.

Die Forschung zeigt, dass bereits in der frühen Kindheit suchtähnliche Verhaltensmuster beeinflusst werden können. Ein Mangel an Selbstvertrauen, zu wenig Grenzen und Angst vor Konfrontationen können sich bereits im Kindesalter entwickeln und langfristig zu Vermeidungsverhalten und erhöhter Abhängigkeitsneigung führen. Laut Winner (1998) sind Menschen mit vielfältig entwickelten Lebenskompetenzen deutlich weniger suchtgefährdet.

Das Konzept des spielzeugfreien Kindergartens setzt genau hier an: Kinder lernen, sich mit herausfordernden und ungewohnten Situationen auseinanderzusetzen und eigenständige Lösungen zu finden. 

Eine frühzeitige Adaption dieses Projekts in Kitas könnte präventiv noch mehr bewirken und die Entwicklung wichtiger sozialer und emotionaler Fähigkeiten gezielt fördern. 

2. Spielzeugfreie Zeit als Antidot für Stimulationssucht

Kinder brauchen heutzutage mehr als je zu regelmäßigen Zeiten eine spielzeugfreie Zeit. Sie wachsen in einer Welt voller externer Reize auf – von Computerspielen über Fernsehen bis hin zu durchgeplanten Aktivitäten in Kita und Schule. Diese ständige Stimulation kann schnell zu einer Art „Abhängigkeit“ führen: Fehlt die Unterhaltung, empfinden viele Kinder sofort Langeweile und fordern neue Reize ein. Eltern stehen dadurch unter Druck, ihre Kinder ständig zu beschäftigen. Wer noch Kraft hat, plant gemeinsame Unternehmungen, während andere auf digitale Medien oder Freizeitangebote zurückgreifen, um die Forderungen der Kinder zu erfüllen. So entsteht ein Kreislauf, in dem echte kreative Eigeninitiative immer weiter in den Hintergrund rückt.

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Wenn Kinder sagen, dass ihnen langweilig ist, und Eltern dann sofort eine Idee anbieten, weisen die Kinder diese in den meisten Fällen umgehend zurück. Wenn Eltern einige wenige Minuten lang warten, werden sie aber feststellen, dass sich ihr Kind bereits in etwas vertieft hat.

Langeweile ist der Schlüssel zur inneren Balance - egal in welchem Alter. Diejenigen, die die Unruhe vorbeiziehen lassen, kommen in Kontakt mit ihrer Kreativität.

(Familientherapeut Jesper Juul, "Der Standard", 2012)

Der neue Ansatz also: Kindern die Möglichkeit bieten, sich zu langweilen. Der erste Moment ohne Spielzeug? Ja, der fühlt sich für Kinder oft nach Langeweile an. Doch genau hier geschieht etwas Magisches: Aus dem vermeintlichen Stillstand erwacht die Kreativität! Ohne vorgefertigte Ablenkung entdecken Kinder ihre eigene Fantasie, erfinden neue Spiele und stärken spielerisch ihre Problemlösungsfähigkeiten.

Ohne Spielzeug entsteht nicht nur neuer Freiraum für die Kinder, sondern auch eine veränderte Rolle für die Erzieherinnen und Erzieher. Statt vorgegebener Spiel- und Themenangebote rückt der individuelle Blick auf jedes Kind in den Mittelpunkt. Es bleibt mehr Zeit, die Kinder in ihrer Persönlichkeit wahrzunehmen, sie einfühlsam zu begleiten und gezielt zu unterstützen – ganz ohne die Ablenkung durch vorgefertigte Spielsachen.

3. Acht Tipps für eine erfolgreiche spielzeugfreie Zeit

1) Gemeinsam mit den Kindern vorbereiten

Plötzlich alles wegzunehmen, kann überfordern. Erklärt den Kindern den Plan und bezieht sie mit ein. Fragt: „Welche Spielsachen können wir eine Weile entbehren?“ Dadurch entwickeln sie ein Bewusstsein für den Prozess und sind viel eher bereit, sich darauf einzulassen.

2) Alternative Materialien bereitstellen

Stellt Dinge zur Verfügung, die die Fantasie anregen: Kartons, Tücher, Holzstücke, Naturmaterialien. Ein leerer Schuhkarton wird zum Puppentheater, ein Stock zum Zauberstab. So entstehen aus dem Nichts die spannendsten Welten!

3) Den Raum neu gestalten

Die Umgebung beeinflusst das Spiel. Schafft Freiräume für Bewegung und Kreativität. Ein umgedrehter Tisch wird zur Burg, eine freie Fläche lädt zum Toben ein. Weniger ist oft mehr!

4) Kinder in ihrer Kreativität bestärken

Nicht gleich eingreifen oder Spielideen vorgeben. Stattdessen durch gezielte Fragen Impulse setzen: "Was könnte man mit diesem Seil alles machen?" So lernen Kinder, ihre eigenen Ideen zu entwickeln.

5) Soziale Kompetenzen stärken

Ohne Spielzeug stehen Kommunikation, Kooperation und Konfliktlösung im Mittelpunkt. Kinder müssen gemeinsam Lösungen finden – das stärkt Empathie, Teamfähigkeit und Selbstbewusstsein.

6) Die Natur als Spielparadies entdecken

Draußen gibt es unendlich viele Spielmöglichkeiten! Blätter, Steine und Äste werden zu wertvollen Schätzen. Ein Spaziergang kann zur abenteuerlichen Schatzsuche werden – ganz ohne vorgegebenes Spielzeug.

7) Eltern einbinden und informieren

Viele Eltern stehen der spielzeugfreien Zeit zunächst skeptisch gegenüber. Klärt sie auf, zeigt die Vorteile und ladet sie ein, sich aktiv einzubringen – zum Beispiel durch das Sammeln von Naturmaterialien oder das Teilen eigener Erfahrungen.

8) Den Prozess reflektieren und weiterentwickeln

Nach der spielzeugfreien Phase: Rückblick halten! Was hat gut funktioniert? Was könnte noch verbessert werden? Durch Reflexion wird die nächste spielzeugfreie Zeit noch wertvoller.

4. Spielzeugfreie Zeit in den Denk mit Kitas

Auch einige unserer Kitas haben dieses Konzept erfolgreich umgesetzt:

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In der Denk mit Kita Poing verlief die spielzeugfreie Zeit durchweg positiv. Besonders bemerkenswert war, dass sich die langfristigen Effekte erst nach einigen Wochen deutlich zeigten: Neue Freundschaften entstanden, das Gemeinschaftsgefühl wuchs spürbar, und die Kinder zeigten mehr Hilfsbereitschaft im Alltag.

Auch Nachhaltigkeit spielte eine zentrale Rolle. Recycelbare Materialien wurden als kreatives Spielmaterial genutzt, gesammelt im „Müllmonster“, das Eltern regelmäßig befüllten. Diese Materialien wurden nun sortiert und aufbewahrt – so entstehen z.B. zu Ostern aus leeren Taschentuchboxen bunte Osternester.

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In der Denk mit Kita Gilching haben die U3-Kinder die spielzeugfreie Zeit begeistert angenommen und schnell mit Alltagsmaterialien wie Kartons, Eierschachteln, Klopapierrollen und buntem Papier ihre eigenen kreativen Welten erschaffen. Ob Eisdiele, Autos oder Tauchgänge im Meer – die Ideen kamen ausschließlich von den Kindern, während die Pädagog:innen unterstützend zur Seite standen.

Die Eltern haben die Aktion in der Elternumfrage sehr gelobt, und so bleibt die spielzeugfreie Zeit auch weiterhin ein fester Bestandteil. Vor der Sommerschließung werden Spielzeuge nach und nach aufgeräumt und gemeinsam mit den Eltern Materialien für kreative Bastelprojekte gesammelt.

5. Fazit

Das Konzept der spielzeugfreien Zeit, das 1992 von Elke Schubert und Rainer Strick ins Leben gerufen wurde, diente ursprünglich als Maßnahme zur Suchtprävention. Heute ist es ein fester Bestandteil vieler Kitas und Schulen, weil es Kindern hilft, Frustration zu überwinden, ohne sich in Konsum oder Ablenkung zu verlieren. Stattdessen entwickeln sie Selbstvertrauen, Kreativität, soziale Kompetenzen und den Mut, sich neuen Herausforderungen zu stellen.

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